Lissabon – die Geschichte von streikender Technik in einer wundervollen Stadt

Falls ihr mal einen Belastungstest für eure Nerven oder eure Beziehung benötigt – wir haben einen für euch: man begebe sich mit einem 6,90m langen und 2,55m breiten Fahrzeug auf den Weg in eine europäische Hauptstadt – kurz vor dem Ziel schalte man das Navi ab und wecke das Baby. Viel Spaß 😉

Die Anreise nach Lissabon – ein Kapitel für sich (01.09.15 in den Abendstunden)

Eigentlich wollten wir gar nicht nach Lissabon – die Anreise in eine Großstadt mit dem Wohnmobil erschien uns als zu stressig. Aber mithilfe des Wohnmobilreiseführers und des Navis haben wir in Bilbao, La Coruña und Porto sehr gute Erfahrungen gemacht. Man sucht sich anhand der Beschreibung im Wohnmobilreiseführer seinen bevorzugten Stellplatz aus, gibt die GPS Koordinaten ins Navi ein und das Navi führt einen exakt zum Ziel. Es kann eigentlich nichts schief gehen – dachten wir.

Wir wählen also einen Stellplatz im Stadtteil Belém und machen uns zuversichtlich auf den Weg nach Lissabon. Es ist 20 Uhr, Emilia schläft und wir sind voller Vorfreude. Und gerade als man von der Autobahn aus bemerkt, dass die Bebauung dichter wird und dass wir nach Lissabon reinfahren, hängt sich unser Navi auf. Sven sagt mir, dass ich es reseten soll. Ich hole also einen Stift aus dem Wohnbereich in die Fahrerkabine, drücke den Resetknopf und bekomme die Auskunft: „Ihr Navigationsgerät kann nicht gestartet werden, bitte kontaktieren sie den Support.“ Schnell nochmal reseten – aber die Antwort bleibt dieselbe. Als ich Sven mitteile, dass wir ohne Navi den Weg finden müssen lacht er – er hält es für einen schlechten Witz. Aber das ist leider kein Witz. Als Sven dies endlich auch begreift, ändert sich seine Mimik schlagartig! Was nun? Wir fahren die nächste Tankstelle an und besorgen uns eine Karte von Lissabon. Ich bitte den Tankwart, mir auf der Karte zu zeigen, wo wir gerade sind und uns den Weg nach Belém zu erklären. Er spricht leider nur portugiesisch, zeigt mir das Stadion – woraus ich schließe dass wir beim Stadion sind. Ok, das ist schon einmal ein Anfang. Er erklärt mir noch hilfsbereit den Weg (auf Portugiesisch mit ein paar Brocken Englisch) und sagt, soweit ich ihn verstehen kann, wir sollen die übernächste Ausfahrt nehmen und dann sei Belém auch schon ausgeschildert. Es sei „very easy“ sagt er. Aber irgendwie kommt keine Ausfahrt nach Belém oder haben wir sie verpasst? Habe ich den Tankwart falsch verstanden? Von jetzt auf gleich sind wir mitten im Stadtverkehr und wir haben keine Ahnung wo wir sind und irren auf den Straßen von Lissabon umher.

Manchmal glaube ich ja, dass Babys mit Stresssensoren ausgestattet sind. Sie mögen noch so tief schlafen, aber den Stress der Eltern spüren sie sofort. Es kommt wie es kommen muss: Emilia wacht auf und fängt fürchterlich an zu weinen. Da ich weder das Wohnmobil fahren kann noch besonders gut im Karten lesen bin, bin ich Sven wohl keine große Hilfe. Aber das Baby beruhigen – das kann ich sehr gut. Also überlasse ich Sven unser Schicksal und kümmere mich um Emilia. Dabei mag ich gar nicht zusehen, wie Sven das große Schiff durch den Stadtverkehr lenkt und gleichzeitig in der riesigen Karte liest. Ansprechen mag ich (bzw. kann man) ihn schon gar nicht. Also singe ich weiter mein Repertoire an Kinderliedern rauf und runter und denke in mich hinein, dass wir von mir aus hier am Straßenrand schlafen können – Hauptsache dieser Alptraum hat gleich ein Ende.

Auf einmal merke ich, dass die Luft in der Fahrerkabine besser wird. Sven ist wieder ansprechbar. Er hat ein Licht erblickt – und zwar das Goldene M. Ich möchte nicht wissen, was wir für ein skurriles Bild abgegeben haben müssen, als wir bewaffnet mit zwei IPhones, zwei Reiseführern, einer Lissabon Karte und einem im Pyjama angezogenen Baby um 22 Uhr den McDonalds stürmen. 2 Cappuccino später wissen wir zumindest wo wir sind. Aber wohin wollen wir eigentlich? Der Womo-Führer gibt nur die GPS Koordinaten preis und beschreibt den Stellplatz als „unweit vom Torre de Belém“. Das ist ohne Navi ungefähr so viel wert wie die Aussage „Parken sie unweit vom Brandenburger Tor“.

Ich hätte ja am liebsten auf dem McDonalds Parkplatz übernachtet. Aber Svens Ehrgeiz ist geweckt. Mit Hilfe von beiden Handys, auf denen er dutzende Screenshots gemacht hat, möchte er weiter fahren. Schon bald schläft Emilia ein und wir sind auf dem richtigen Weg. Belém ist ausgeschildert. Jetzt heißt es nur noch den Schildern folgen. Bei der Abfahrt „Torre de Belém“ fahren wir ab und erblicken am Flussufer ein anderes Wohnmobil stehen. Das ist beruhigend. Wir stellen uns daneben und blicken uns um: Wir stehen wirklich unmittelbar am Wahrzeichen Lissabons. Direkt am Flussufer des Rio Tejo. Können wir hier stehen bleiben? Während wir noch überlegen, parkt ein drittes Wohnmobil neben uns. Wir und die Insassen der beiden anderen Wohnmobile steigen aus und besprechen kurz die Lage. Links uns rechts von uns stehen Spanier, in deren Reiseführer der Platz als offizieller Stellplatz steht – sie bleiben über Nacht, also bleiben wir auch. Emilia muss noch kurz vom Kindersitz in den Alkoven „umgeparkt“ werden und dann können wir endlich zur Ruhe kommen. Bei einer Flasche Wein blicken wir auf den Fluss und die Lichter der Stadt und können nur noch über die Aufregung der vergangenen zwei Stunden lachen. Wir haben den Belastungstest prima gemeistert – befinden wir.

Am nächsten Morgen werden wir beim Frühstück von einem der vielen, in Portugal „selbstständigen“, selbsternannten Parkwächter gestört. Er sagt, dass wir hier nicht stehen dürfen und weist uns einen Parkplatz 20m weiter zu. Wir schmunzeln, haben wir doch schon etwas Erfahrung mit den sich aufspielenden Parkwächtern gesammelt, tun ihm aber den Gefallen. Wir parken unter seiner Anweisung um und geben ihm ein paar Euro – für das gute Gefühl, dass unser „Heim“ während unseres Aufenthalts bewacht wird.

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Lissabon – wir „arbeiten“ uns durch die Hauptstadt (02.09-03.09.15)

Nach dem Frühstück sehen wir uns in Belém um. Von hier aus starteten die vielen Seefahrer früher ihre Entdeckungsfahrten. Wir beginnen mit dem Turm von Belém, einem weißen, reich verzierten Festungsturm, der einst feindliche Schiffe abhielt.

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Er ist nicht zu Unrecht das Wahrzeichen Lissabons. Auf dem Weg sehen wir dieses Wasserflugzeug, das 1922 erstmals 8000km nonstop nach Brasilien flog. Respekt an die Piloten.

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Weiter geht es mit dem Denkmal der Entdecker, das 1960, zum 500. Todestag von Heinrich dem Seefahrer, erbaut wurde. Vorne am Bug ist Heinrich der Seefahrer dargestellt, hinter ihm bedeutende Portugiesen wie Seefahrer, Könige und Geistliche. Sven meint, hinten sei noch ein Platz für Ronaldo frei – mal sehen wann das Denkmal umgebaut wird ;-).

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Neben dem Denkmal werden wir auf eine Aktion aufmerksam, bei der für Herzkranke in Afrika gesammelt wird. Wir spenden ein paar Euro und können uns auf dem „Liebesgitter“ verewigen.

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Dann folgt das Jerónimos-Kloster. Der Bau gilt als das bedeutenste Werk der Manuelinik, der portugiesischen Variante der Spätgotik.

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Beeindruckt von den vielen Bauwerken um uns herum kehren wir zum Wohnmobil zurück, essen ein paar Snacks und suchen unsere Wäsche zusammen. Wir müssen nämlich ganz dringend waschen – selbst Sven merkte dies am Vortag anhand seines T-Shirt Faches ;-). In Alfama soll es einen Waschsalon geben – was sich gut trifft, denn das Viertel wollten wir uns sowieso anschauen.

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Etwas beschwerlich ist es schon, den Kinderwagen sowie 15kg Wäsche durch die engen steilen Gassen des ältesten Lissaboner Stadtteils zu bugsieren, aber da wir ja momentan sonst keinen Sport treiben, sehen wir es als Workout. Und während unsere Wäsche sauber wird, schlendern wir mehr oder weniger gemütlich (sofern das bei zum Teil nur ein Meter breiten Gassen und Treppenstufen möglich ist) durch die Gassen des Viertels. Über uns mit Geranien, schnarrenden Papageien und lauten Portugiesen geschmückte Balkone, rechts und links einladende Tavernen…, sehr romantisch.

Mit sauberer und trockener Wäsche sehen wir noch die Sé, die älteste Kirche Lissabons an und genießen die Aussicht auf die Stadt vom Miradouro Santa Luzia.

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Dann wird es leider auch schon dunkel. Gern würden wir noch etwas Nachtleben mitbekommen und schön ausgehen. Beim nächsten Mal – wenn wir ohne Baby wiederkommen. Heute bringen wir Emilia ins Bett; für aufwendiges Kochen sind wir zu müde, ein paar Spiegeleier landen dann doch in der Pfanne.

Unser Navi ist ja bekanntlich kaputt. Ich hätte ja stumpf ein Neues gekauft, aber Sven möchte dem Alten noch eine Chance geben und aus dem Internet eine neue Software laden. Zu Hause sind wir bestimmt seit fünf Jahren nicht mehr bei McDonalds gewesen, aber ich muss zugeben, dass ich den Laden auf unserer Reise sehr zu schätzen gelernt habe. Wenn man den ganzen Tag unterwegs ist, bietet er einem stets eine saubere Toilette, einen sauberen Wickelplatz, zuverlässiges Internet und dazu günstigen und leckeren Kaffee. Da ich schon ahne, dass der Download einer neuen Software keine Sache von 10 Minuten sein wird, planen wir bei McDonalds zu frühstücken (nicht ohne „unserem“ Parkwächter zuvor ein paar Euro in die Hand gedrückt zu haben). Leider gibt es hier kein Frühstück und der Kaffeeautomat ist noch nicht heiß so dass es bei Cheeseburgern und Smoothies endet. Zum Glück habe ich für Emilia Brot und eine Schüssel Erdbeeren eingepackt, so dass ich meine Familie neben all der Kalorien zumindest mit ein paar Vitaminen versorgen kann. Der Download dauert leider geschlagene vier Stunden (das Internet hat in diesem MCD nicht die gewohnte Geschwindigkeit), die Emilia und ich mit spazieren gehen, noch mehr Kalorien in uns rein schaufeln und schlafen (leider nur Emilia, obwohl mir auch sehr danach wäre) tot schlagen. Aber am Mittag haben wir ein funktionierendes Navi, ein ausgeschlafenes Baby, einen zufriedenen Sven und machen uns wieder auf den Weg in die Stadt. Für heute haben wir uns die Stadtteile Baixa, Chiado und das Bairro Alto vorgenommen.

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Ich bin ja immer wieder begeistert von Svens Orientierungssinn. Er wirft einmal beim Frühstück einen Blick auf die Stadtkarte, fragt mich was ich sehen möchte und führt mich anschließend zielsicher von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Ich müsste dafür ununterbrochen auf die Karte starren, würde mich dennoch zig Mal verlaufen und müsste diverse Male nach dem Weg fragen. Aber in einer guten Beziehung ergänzt man sich ja bekanntlich – und im Gegensatz zu ihm weiß ich stets genau wo seine Socken sind; und der Schlüssel; und die Salami…

Hier also ein paar Eindrücke aus der Stadt:

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Und hier nur eine kleine Auswahl der von uns zu bewältigenden Hürden (das defekte Navi und unsere Schmutzwäsche mal ausgenommen):

Überall Treppen:

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Und diese Straße (6 Spuren für PKWs, eine für den Eisenbahnfernverkehr und eine für den Eisenbahnnahverkehr) trennt unseren Parkplatz von unserer Straßenbahnhaltestelle. Es gibt im Umkreis von einem Kilometer nur eine Unterführung oder eine Brücke – beides harte Arbeit mit Kinderwagen.

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Mein Fazit zu Lissabon: Eine sehr schöne Hauptstadt am Rio Tejo, die aufgrund ihrer Lage auf mehreren Hügeln nur bedingt mit dem Kinderwagen zu besichtigen ist. An zwei Tagen haben wir bei weitem nicht alles gesehen, aber wir haben genug Atmosphäre geschnuppert, um zu wissen, dass wir noch einmal wiederkommen möchten – ohne Baby im Kinderwagen.

Abends verlassen wir Lissabon wieder – Richtung Süden gibt es dafür nur einen Weg: Über die Ponte 25 de Abril – einer 2,3km langen Brücke, die 70m über dem Rio Tejo „schwebt“.

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Und Dank unseres Navis finden wir problemlos wieder aus Lissabon heraus ;-).

4 Kommentare

  1. Der Blog ist super. Ich schaue ständig nach ob es etwas Neues gibt.
    Ich beneide euch für den Trip sehr. Ich wäre gerne noch weiter mit euch gereist 😉

    Eine Sache stört mich jedoch.
    Ich zitiere: „Respekt an die Piloten“…

    Das mit den Piloten stimmt schon, aber hast du wenigstens eine Sekunde an die Flugzeugingenieure gedacht, die diese Maschine entwickelt haben? 🙂

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  2. Herzerfrischend wie ihr das mit Kind meistert. Wir sind schon in betagterem Alter und haben das Thema Kinder erfolgreich abgeschlossen. Wir konnen eure Erlebnisse gut nachvollziehen und schmunzeln bei euren Berichten. Es wäre uns wahrscheinlich ganz genau so ergangen.😊
    Weiterhin gute Reise!
    LG Womolix

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  3. Informativ und unterhaltsam berichtet. Wir haben Lissabon vor zwei Jahren auch besucht (es war wesentlich leichter ohne Kinderwagen 😉) und es war schön euch zu begleiten.
    Den Schock mit dem Navi können wir nachvollziehen, haben wir auch erlebt, aber zum Glück nicht in einer Großstadt
    Liebe Grüße Karin und Uwe

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